Tunnelblick ist keine Selbstbestimmung

Interdisziplinäre Stärkung der Selbstbestimmung gegen den Tunnelblick

Studien zeigen, dass Menschen, die über assistierten Suizid nachdenken, häufig von dem Bedürfnis geleitet werden, Kontrolle über Zeitpunkt, Ort und Umstände ihres Todes zu behalten (Ganzini et al., 2008; Emanuel et al., 2016). 

In diesem Entscheidungsprozess kann sich ein sogenannter Tunnelblick entwickeln – ein psychologisches Phänomen, bei dem die Wahrnehmung auf ein einziges Ziel verengt wird. Betroffene ziehen dann alternative Handlungsoptionen, wie palliative Versorgung, Schmerztherapie oder psychosoziale Unterstützung, kaum noch in Betracht (Van Wijngaarden et al., 2015).

Psychologische Mechanismen hinter dem Tunnelblick

Mehrere psychologische Prozesse können diese Verengung begünstigen:

Kognitive Verzerrungen – Unter hoher emotionaler Belastung neigen Menschen zu Bestätigungsfehlern (confirmation bias), bei denen nur Informationen wahrgenommen werden, die die bereits gefasste Entscheidung stützen (Nickerson, 1998).

Erlernte Hilflosigkeit – Chronische Krankheit oder wiederholte Kontrollverluste können das Gefühl verstärken, dass nur ein radikaler Schritt wie der assistierte Suizid echte Selbstbestimmung ermöglicht (Seligman, 1975).

Emotionale Erschöpfung – Dauerhafte Schmerzen, Depression oder Angstzustände können die kognitive Flexibilität reduzieren, sodass Alternativen nicht mehr als realistisch oder erreichbar empfunden werden (Beck et al., 1979).

Warum ein weiter Blick wichtig ist

Ein interdisziplinärer Ansatz – mit Ärzt:innen, Psycholog:innen, Palliativteams und Angehörigen – kann helfen, den Blick zu weiten, ohne den Wunsch nach Autonomie zu entwerten (Chochinov et al., 2002).

So kann aus einer einseitigen Fixierung eine reflektierte Entscheidung entstehen – eine, die sowohl Selbstbestimmung als auch Fürsorge berücksichtigt und auf einer breiten, wissenschaftlich fundierten Informationsbasis ruht.

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