Ich will noch leben
In meiner letzten Nachtschicht bei Tel 143 drehten sich mehrere Gespräche um die Mitgliedschaft bei einer Suizidassistenz-Organisation.
Die Anrufenden waren Frauen im hohen Alter: geistig wach, humorvoll, vielseitig interessiert – und zugleich körperlich zunehmend eingeschränkt. Im Gespräch fielen Worte wie Einsamkeit und soziale Isolation.
Sie hatten sich bei einer Suizidassistenz-Organisation angemeldet, «weil man das heute halt so macht».
Gleichzeitig sprachen sie nicht nur über das Sterben, sondern auch über das Leben: über die Idee, vielleicht noch einmal in ein Altersheim in einem anderen Landesteil zu ziehen, um etwas Neues zu erleben. Wir lachten, sinnierten, dachten gemeinsam nach. Es waren schöne, berührende und sehr menschliche Gespräche.
Danach blieb bei mir ein Gedanke hängen: Wie wertvoll wäre es, wenn sich solche Frauen kennen würden, sich austauschen könnten. Denn sie verbindet viel – nicht nur die Frage nach dem Lebensende, sondern auch das Bedürfnis, als ganzer Mensch gesehen zu werden: mit ihrer Ambivalenz, ihren Zweifeln, ihrem Humor, ihrer Offenheit und ihrer Sehnsucht nach echter Begegnung.
Suizidassistenz-Organisationen eröffnen eine zusätzliche Option am Lebensende. Wer sich dort meldet, findet einen Raum, um über Sterbewünsche zu sprechen.
Und doch bleibt oft etwas offen: das tiefe menschliche Bedürfnis, mit der ganzen eigenen Widersprüchlichkeit gehört und gesehen zu werden. Aus Angst vor Ablehnung sprechen viele nicht wirklich frei. So kann eine Mitgliedschaft auch einen bitteren Beigeschmack hinterlassen.
Selbstbestimmung am Lebensende darf nicht zu einer strukturell beeinflussten Selbstbestimmung werden. Gerade deshalb braucht es Gespräche über alle Optionen – mit allen Fachpersonen und insbesondere auch in einem unabhängigen Kontext.
Vor allem aber brauchen wir mehr Menschlichkeit: mehr Nähe, mehr echtes Interesse und mehr Bereitschaft, einander zuzuhören.
In diesem Sinne auch ein Hinweis auf einen wunderbaren Artikel in der heutigen NZZ am Sonntag