Exit Project - Die Studie

Die Studie untersucht, wie Menschen in der Schweiz, die aktiv einen assistierten Suizid verfolgen, ihre Entscheidung erklären und welche Motivationen dahinterstehen. Die Entscheidung entsteht nicht aus einem einzelnen Grund, sondern aus einem Geflecht mehrerer, sich gegenseitig verstärkender Motivationen, die sich über Zeit entwickeln. 

Die Studie rekrutierte Erwachsene, die aktiv einen assistierten Suizid verfolgten – das heisst Personen, die bereits Kontakt zu einer Suizidassistenzorganisation aufgenommen hatten, um den formellen Antrag zu stellen. Einschlusskriterien waren:

Volljährig, aktuell im Prozess eines assistierten Suizids, urteilsfähig (bereits durch Ärzt:innen oder die Suizidassistenzorganisation geprüft), fähig, eine informierte Einwilligung zu geben, fliessend in einer der drei Schweizer Amtssprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch).

Die Teilnehmenden wurden über Palliativmediziner:innen, Hausärzt:innen und Suizid-assistenzorganisationen (Exit ADMD, Life Circle, Exit Ticino) rekrutiert.

Die Befragten waren zwischen 35 bis 93 Jahre alt, das Durchschnittsalter 73.4 Jahre. Die meisten hatten eine somatische Diagnose. 

Es konnten sechs Hauptmotive definiert werden, die die Entscheidungen prägen:

1. Das eigene Sterben gestalten

Viele Teilnehmende hatten bereits lange vor der Erkrankung über ein „gutes Sterben“ nachgedacht. Sie wollten Kohärenz zwischen ihrem Lebensstil und ihrer Art zu sterben, Angst vor Abhängigkeit vermeiden und Angehörige vor belastenden Erinnerungen schützen. 

2. Assistierter Suizid als vertrauenswürdige Option

Das Schweizer Modell wird als sicher, transparent und fair erlebt. Als soziales Privileg, als Ausdruck gesellschaftlichen Fortschritts und kollektiver moralischer Anerkennung erlebt. Die Wahrnehmungen waren bemerkenswert konsistent: Das System wurde als beruhigend, vertrauenswürdig und unterstützend beschrieben. Es wurde mit Fairness und Sicherheit verbunden – Qualitäten, die für viele den assistierten Suizid zu einem verlässlichen und sogar wünschenswerten Weg des Sterbens machten. Besonders wichtig war die Erfahrung, dass das Schweizer Modell als strukturierender Mechanismus fungierte, der philosophische Vorstellungen von Autonomie und Würde in konkrete Handlungsmöglichkeiten übersetzte.

Die Suizidassistenz-Organisationen spielten dabei eine zentrale Rolle: Sie wurden als vertrauenswürdige Institutionen beschrieben, die durch administrative und prozedurale Schritte führen, sicherstellen, dass die Wünsche der Betroffenen respektiert werden, und den Prozess mit Sorgfalt, Respekt und Würde begleiten. Einige Teilnehmende berichteten, dass sie den Vereinen lange vor einer Erkrankung beigetreten waren – als symbolische Bestätigung ihrer Werte und als praktische Absicherung  für die Zukunft.

Viele verglichen dieses Modell mit Systemen im Ausland, in denen assistiertes Sterben als stark medizinisiert oder streng staatlich reguliert wahrgenommen wird. Im Vergleich dazu wurde das Schweizer zivilgesellschaftliche Modell dafür geschätzt, dass es die Entscheidung in die Hände der Einzelnen legt – und nicht in jene von Institutionen oder medizinischen Fachpersonen.

Ein weiteres zentrales Motiv war die Wahrnehmung des assistierten Suizids als „sauberes“, verlässliches und gut strukturiertes Verfahren, das Unsicherheit, Schmerz und Belastung sowohl für die sterbende Person als auch für die Angehörigen minimiert. Eine Teilnehmende, die einen Angehörigen durch den Prozess begleitet hatte, betonte den Trost und die Kontrolle, die das unmittelbare Miterleben des Verfahrens vermittelte.

Solche Schilderungen rahmten den assistierten Suizid als humane und organisierte Alternative zu gewaltsamen, einsamen oder verzweifelten Formen des Suizids. Die Teilnehmenden unterschieden klar zwischen assistiertem Suizid und impulsiven, tragischen oder moralisch transgressiven Akten der Selbsttötung.

Insgesamt zeigen diese Narrative, dass die Teilnehmenden den assistierten Suizid nicht nur als Option am Lebensende sahen, sondern als eine vertrauenswürdige Ressource, die man erwerben kann: einen verlässlichen, würdevollen und gesellschaftlich akzeptierten Weg des Sterbens. Aus dieser Perspektive wurden die im Schweizer Zivilmodell verankerten Vorstellungen von Sicherheit, Fairness und Verlässlichkeit zu starken legitimierenden Motivationen, die den assistierten Suizid als sozial akzeptierte persönliche Wahl festigten.

3. Validierung und gemeinsames Verständnis

Obwohl die Entscheidung persönlich ist, spielt die Reaktion nahestehender Menschen eine Rolle.

Unterstützung durch Angehörige stärkt die innere Sicherheit; Ablehnung wird respektiert, beeinflusst aber die Entscheidung kaum.

4. Autonomie gegenüber der Medizin zurückgewinnen

Viele schildern negative Erfahrungen mit medizinischer Übertherapie, mangelnder Kommunikation oder Kontrollverlust.

Assistierter Suizid erscheint als letzter Bereich, in dem Selbstbestimmung uneingeschränkt möglich bleibt.

5. Die unerträgliche Schwelle überschreiten

Suffering ist multidimensional: körperlich, psychisch, sozial, existenziell, behandlungsbedingt.

Diese Faktoren verstärken sich gegenseitig und erzeugen ein Gefühl r eineendlosen, erschöpfenden Abwärtsspirale.

6. Das sich schliessende Zeitfenster nutzen

Die Möglichkeit, selbstbestimmt zu sterben, ist an die Fähigkeit zur Selbstverabreichung und Entscheidungsfähigkeit gebunden.

Viele fürchten, diesen Moment zu verpassen – und handeln, bevor körperliche oder kognitive Grenzen dies verhindern.

Interpretation

Die Entscheidung für assistierten Suizid ist prospektiv, nicht nur eine Reaktion auf Leid. Sie entsteht aus Werten, Beziehungen, biografischen Erfahrungen und dem Bewusstsein für zeitliche Grenzen. Die Studie zeigt, dass assistierter Suizid für viele ein existentielles Gestaltungsprojekt ist – nicht nur eine Antwort auf Krankheit.

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